4 Tage, 11 Stunden, 8 Minuten, 20 Sekunden, Türkei,
und 3 Minuten, 45 Sekunden Totale Sonnenfinsternis




Vor ca. 8 Jahren musste ich wegen einer extremen Migräne meinen Hausarzt aufsuchen. Da damals die Sofi am 11. August 1999 bevorstand, bin ich mit meinem Arzt diesbezüglich ins Gespräch gekommen. Dabei erwähnte er, dass er ein Ferienhaus in der Türkei hätte und zur Sonnenfinsternis in 8 Jahren dorthin fliegen möchte. Bei jedem Besuch kam das Thema Sonnenfinsternis zur Sprache und im September 2005 begannen die ersten Vorbereitungen.

Die ersten Karten der Totalitätszone zeigten uns, dass die Ferienwohnung mehr als 500 km entfernt liegt. Somit kam nur ein Hotel in unmittelbarer Nähe der Totalitätszone in Frage. Gebucht wurde dann für 19 Personen ein Hotel in Manavgat, das Mitten auf der Zentrallinie lag. Von dort aus konnte das Ereignis ohne Aufwand vor Ort beobachtet werden. Vorraussetzung: das Wetter spielte mit. Die Ausrüstung machte mir noch die meisten Probleme, da zwei Super-Polaris-Montierungen und zwei Refraktoren mit allerlei Zubehör mitgenommen werden mussten. Desweiteren zwei hochwertige Ferngläser und fünf Kameras. Der Abflugtag kam immer näher und ein Treffen mit den beteiligten Personen wurde durchgeführt, um den Ablauf des geplanten Urlaubs zu besprechen. Am 26.03.2006 ging es endlich los und wir trafen uns alle am Bahnhof Immenstadt. Der Rest der Truppe, stieg in Kempten zu. So ging es mit dem Zug nach Stuttgart zum Flughafen.

Abb. 1 unsere Gruppe am Flughafen Stuttgart
Das Umsteigen mit unseren schweren Koffern machte uns alle schon in den ersten Urlaubsstunden fertig. Zumal das Platzangebot im Zug sehr bescheiden war, mussten einige die Fahrt im Stehen verbringen. Der Flug dagegen war sehr angenehm. Beim Aufsetzen der Räder am Antalyaer Flughafen stoppte ich die Zeit für den Aufenthalt in der Türkei.
Beim Warten auf das Gepäck fiel mir eine 3köpfige Gruppe auf, von denen ich einen schon einmal gesehen hatte. Nach einem kurzen Gespräch stellte sich heraus, daß es der Astrofotograf Stefan Seip war. Er sollte aber nicht der einzige sein, den ich auf dieser Reise treffen sollte. Gegen 0.30 Uhr kamen wir im Hotel Serra Palace an und wurden freundlich vom Empfangspersonal und dem Manager begrüßt. Sogar die Koffer wurden uns allen auf die Zimmer gebracht.
Der nächste Morgen bescherte uns einen strahlendblauen Himmel und ein riesiges Frühstücksbuffet. Die reservierten Mietwagen standen auch bereit und wir begannen mit unseren vier Autos die erste Tour zum Markt von Manavgat.

Abb. 2 Markt von Manavgat

Abb. 3 die schönen Wasserfälle des Flusses Manavgat
Nach ausgiebigem Shopping benötigten wir erst einmal eine Stärkung und kehrten in einem schönen Restaurant mit Terrasse, direkt am Fluss Manavgat gelegen, ein. Die Wasserfälle von Manavgat wurden im Anschluss daran besucht. Der Rest des Tages stand zur freien Verfügung.
Am zweiten Tag fuhren wir zu den Ruinen von Themessos. Da wir den ganzen Tag unterwegs sein würden, bekamen wir vom Hotel Lunch-Pakete hergerichtet. Nach einer 4-stündigen, sehr interessanten Wanderung durch die Ruinenstadt, kamen wir am Ausgangspunkt wieder an und benötigten erst mal eine Stärkung.

Abb. 4 die Ruinenstadt Themessos

Abb. 5 Strandbucht in Antalya

Abb. 6 Promenade am Hafen in Antalya

Abb. 7 Hafen von Antalya
Wir verzehrten die Reste der Lunch-Pakete. Anschließend fuhren wir in die Altstadt von Antalya, die direkt am Mittelmeer liegt. Einige von unserer Gruppe gingen auf Shopping-Tour. Der Arzt, Tanja und ich besichtigten noch eine Moschee. Als wir wieder im Hotel waren, war es höchste Zeit fürs Abendessen, bevor dieses vorbei war. Danach kam allerdings die Katastrophe. Das bestellte Stromkabel war nicht an der Rezeption hinterlegt und der zuständige Nachtmanager hatte frei. Der Aushilfsmanager vom Nachbarhotel wusste von keinem reservierten Kabel, er versuchte jedoch abends um 21:30 Uhr noch eines zu besorgen. Tanja und ich gingen zum Doktor und seiner Frau, die gerade im Speisesaal saßen und berichteten das Malheur. Kurzerhand wurde der Kellner von der Arztgattin auf unser Problem hin in Deutsch, Türkisch und Englisch angesprochen. Ich glaube das Wort "bitte, bitte" hat am besten gewirkt. Der Mann sprang zum nächsten Telefon, sprach kurz mit der Gegenseite und war verschwunden. Nach ca. 4 Minuten kam er wieder und sagte, dass das Problem gelöst sei. Laut ihm sollten wir zum Strandhaus gehen und er würde gleich mit dem Elektriker nachkommen und ein Kabel in gewünschter Länge mitbringen. Mittlerweile ging es auf 22:00 Uhr zu und Tanja und ich gingen mit gemischten Gefühlen zum Strandhaus. Dort angekommen traf mich fast der Schlag. Ich dachte, wo ist der Doktor, ich bekomme gleich einen Herzinfarkt. Was ich sah, war ein Gruppe Rumänen und mein Kabel. Es war eine riesige Rolle mit 100m. Davon waren aber nur ganze 5m abgespult und an diesen waren die Teleskope der Rumänen angeschlossen. Die Diskussion brachte keine Lösung, die Gruppe gab das beschlagnahmte Kabel nicht mehr heraus. Minuten später kam der Kellner mit dem Elektriker und einem anderen 100m Kabel. Damit waren wir gerettet. Der Elektriker, namens Emin, schloss das Kabel an den Stromkreislauf an. Damit es vor weiteren Langfingern und der Meeresflut in Sicherheit war, wurde es noch um einen Masten am Strand festgebunden. Mein Zeitplan geriet nun allerdings mächtig ins Schwanken. Nach den ganzen Vorbereitungen konnte ich erst gegen 00:30 Uhr ins Bett gehen. Die Nacht war schnell vorbei und morgens um 02:30 Uhr wachte ich von lautstarkem Gekicher und Gekreische, welches vom Hausflur kam, auf.

Abb. 8 Sternbild Skorpion über dem Mittelmeer - der helle Stern über dem Steg ist Jupiter
Der Grund war: einige unserer Mitreisenden kamen von der Hotelbar zurück. Das erneute Einschlafen gelang mir leider danach nicht mehr und um 03:00 Uhr klingelte der Wecker. Tanja und ich brachten das gesamte Equipment zum Strand. Die Sterne funkelten noch vom Himmel und das Sternbild Skorpion war über dem Mittelmeer zu sehen. Nachdem Tanja mir beim Aufbau und justieren nicht mehr helfen konnte, ist sie wieder ins warme Bett zurückgegangen.
Als endlich alles stand, begann die Dämmerung. Da der Taubeschlag überall seine Spuren hinterlassen hatte, konnte ich jetzt erst die Kameras an den Teleskopen befestigen. Bei Sonnenaufgang machte ich ein paar Aufnahmen und stellte begeistert fest, dass eine kleine Gruppe Sonnenflecken zu sehen war.

Abb. 9 Sonnenaufgang am Sonnenfinsternistag

Abb. 10 eine kleine Teepause vor dem großen Ansturm
Immer mehr Sofi-Freaks kamen zum Strand und die Teleskope wuchsen wie Unkraut aus dem Boden. Tanja organisierte für unser Team noch einen Sonnenschirm und mehrere Liegen, die am Strand plötzlich sehr begehrt waren. Ein Frühstart eines Kameraauslösers zwang mich noch 2x ins Hotelzimmer, um einen neuen Film einzulegen.
Um 12:38 Uhr war dann der erste Kontakt und das Spektakel nahm seinen Lauf und war nicht mehr aufzuhalten. Der Neumond bedeckte immer mehr von dem lebensspendenden Licht der Sonne, ohne dem wir nicht existieren könnten. Unsere mit Sonnenfiltern bestückten Ferngläser liefen durch die Runde, eine Finsternisbrille lag immer griffbereit.

Abb. 11 unsere Gruppe mit Sonnenfinsternisbrillen
Diskussionen begannen, wann die Brille abgenommen werden sollte etc. Da die Temperaturen stark zurückgingen, wurden meine Jacken, die mich vor der nächtlichen Kälte geschützt hatten, jetzt von den nur mit einem Bikini bekleideten Arzthelferinnen angezogen. Fünf Minuten vor der Totalität klingelte mein Wecker, die letzten Vorbereitungen begannen. Die Videokamera des Arztes wurde noch schnell an einer Montierung befestigt und die Filter von den Feldstechern gezogen. Ein Sternfreund aus der Nachbarschaft sagte "ab jetzt noch zwei Minuten". Es wurde immer dunkler, als ob jemand das Licht der Sonne mit einem Dimmer herunterdrehen würde. "Eine Minute noch". Ich nahm vorsichtig die Filter von den Teleskopen und schaltete die Videokamera ein.
Mit blinzelnden Augen schaute ich in Richtung Sonne. Eine Unruhe lag in der Luft und der Wind war sehr kühl geworden. Die Strahlen der Sonne konzentrierten sich auf einen Punkt und wurden immer kleiner. Der Diamantring zog sich zusammen und die Sonnenstrahlen verschwanden langsam hinter dem Mond. Die Strapazen der letzten Stunden waren vergessen. Das Geräusch der Kameras war zu hören und ein in Panik geratener türkischer Fotograf sprach wirres Zeug. Ich rief laut "jetzt könnt Ihr durch die Feldstecher schauen". Ein Blick durch meinen Feldstecher zeigte mir eine riesige Protuberanz am Rande des Mondes. Als ich den Horizont sah, drehte ich mich um 360 Grad, er war fantastisch. Dies war meine dritte totale Sonnenfinsternis, aber noch nie nahm ich so einen orange-roten Horizont war. Das unnatürliche Aussehen des Mondes und der Sonnencorona war schon beeindruckend. Und ehe wir uns versahen, blitzten die ersten Sonnenstrahlen hinter einem Mondtal hervor. Alle vom Team waren begeistert. Ich schaltete die Videokamera aus und sah in grinsende Gesichter. Nach einigen Minuten gingen die ersten Sofi-Touristen Richtung Hotel. Eine kleine Wolkenbildung war zu sehen, die aber den Ablauf des Mondaustrittes nicht störte. Der Mond bewegte sich immer mehr aus der Sonnenscheibe und die dämmrige Atmosphäre nahm wieder ab. Die Temperaturen stiegen und um 15:13 Uhr trat der Neumond aus der Sonne und beendete das große Ereignis. Ich gratulierte jedem der gerade in meiner Umgebung anwesend war. Erst jetzt begann der Abbau der Teleskope und das Zubehör wurde verstaut. Nachdem die Ausrüstung ins Hotelzimmer gebracht war, fuhren wir alle nach Side zum Apollo-Tempel. Als jeder einen Parkplatz gefunden hatte, gingen wir Richtung Ruinen. Es waren hunderte von Menschen mit Sonnenfinsternisbrillen und T-Shirts unterwegs. Dort muss einiges los gewesen sein, dachte ich noch. Als wir in die Altstadt kamen, brach bei einigen der übliche Kaufrausch aus. Tanja und ich gingen mit dem Arzt Richtung Tempel. Als ich zwei Männer an mir vorbeilaufen sah, kam mir einer von ihnen bekannt vor und ich rief beiden hinterher "Hörnchen". Doch keine Regung, die Männer sind weitergelaufen. Na ja, Fehlanzeige, kann ja mal passieren.
Am Tempel trafen wir den Rest der Gruppe wieder. Und auch Sternfreunde aus der ganzen Welt. Das türkische Fernsehen, bereitete gerade eine Live-Übertragung vor. Es standen immer noch einige Teleskope und Kameras herum. Beim Fotografieren sah ich die beiden Männer wieder und ging spontan auf sie zu und fragte den einen "bist Du das Hörnchen". Er schaute mich verdutzt an und antwortete: "Jaaaaa". Und wer bist Du?" Ich erwiderte: "ich bin Stefan Dylus und wir waren bei der Sofi 1991 in Mexiko". Freude kam auf und wir machten gleich ein paar Beweisfotos.

Abb. 12 von links nach rechts: Hans-Joachim Horn, Stefan Dylus, Tanja Schorer, Johannes Blümke am Apollo-Tempel

Abb. 13 Amphitheater von Aspendos
Nach dem Verabschieden von Herrn Joachim Horn (Spitzname: Hörnchen) fuhren wir wieder ins Hotel zurück und ließen den Tag mit dem Abendessen ausklingen. Als wir am nächsten Morgen den Himmel sahen, ging ein merkwürdiges Gefühl durch die Magengegend. Nein, das Essen war nicht daran Schuld. Der Himmel war durchgehend bedeckt. Alle waren sehr erleichtert, dass der Vortag so perfekt abgelaufen war. Nach dem Frühstück war eine Fahrt nach Aspendos vorgesehen.
Von dort wurde vor einiger Zeit eine "Wetten dass …"-Sendung ausgestrahlt. Aspendos gehört zu den besterhaltenen antiken Amphitheatern. Nach der Besichtigung begutachteten wir die riesige Parkanlage. Die Türkei ist uns in Bezug auf das Pflanzenwachstum ein paar Wochen voraus. Ruinen an Ruinen, im wahrsten Sinne des Wortes. Man ging auf antiken Überresten, die mit viel Aufwand (Hammer und Meißel) verziert worden waren.

Abb. 14 Wildanemone
Unser ärztlicher Reiseleiter entschied, die Mittagpause mit einem Forellenessen abzurunden und eine Canyon-Wanderung zu machen. 19 Personen, 4 Autos, alles hat perfekt geklappt und war super organisiert. Nach der Ankunft im Hotel gingen wir zum Abendessen. Danach wurden die Stative und Montierungen zerlegt und das Gepäck verstaut. Am nächsten Morgen regnete es und der Bus zur Abfahrt zum Flughafen stand pünktlich bereit. Im Flugzeug traf ich noch einen Bekannten aus Immenstadt, der mit Tanja und mir bei der ringförmigen Sofi in Spanien dabei war. Der Urlaub endete für uns alle abrupt, denn der nächste Tag war schon wieder ein Arbeitstag. Aber immer wenn ich eines der Sofi-Bilder sehe, kehren die Erinnerungen an den Türkei-Aufenthalt zurück.


Fotos/Bericht ©2006 Stefan Dylus/GfW